Bodenbrüter – Kinderstube im Erdgeschoss

Bodenbrüter – Kinderstube im Erdgeschoss

Weil Klippen und vor allem Bäume an vielen Küsten selten sind, müssen zahlreiche Seevögel ihre Eier am Boden ausbrüten. Das birgt sowohl Vorteile als auch große Gefahren.

Wer zur Brutzeit an den Küsten Schleswig-Holsteins unterwegs ist, muss sehr vorsichtig sein. Ein unbedachter Schritt könnte eine Vogelfamilie die Zukunft kosten. Denn viele Arten brüten ihre Eier in einfachen Kuhlen im Sand aus oder tragen als „Nest“ nur ein paar Halme zusammen. Zu den typischen Bodenbrütern unserer Küsten gehören etwa Möwen, Seeschwalben, Limikolen und Enten. Sie alle sind keine großen Baumeister, sondern vertrauen beispielsweise auf die Stärke ihrer Kolonie. Manche versuchen auch, ihre Gelege zu tarnen. Doch es gibt mittlerweile übermächtige Gefahren, die sich durch solche Maßnahmen nicht in Schach halten lassen. Vögel und Naturschützer reagieren unterschiedlich auf die Krisensituation, doch das gemeinsame Ziel ist klar: so viele Jungvögel wie möglich retten.

Bodenbrüter – Welche Vorteile gibt es?

Während Schwarzspechte hoch in den morschen Stämmen der Bäume Bruthöhlen zimmern und Beutelmeisen wahre Kunstwerke von Nestern erschaffen, halten es die Bodenbrüter einfach. Dies geschieht vor allem aus einem Mangel an Alternativen. Bäume sind an der Küste dünn gesäht und die wenigen Klippen reichen längst nicht, um allen Vögeln Platz zu bieten. Doch das „Erdgeschoss“ hat auch Vorteile. Von den Salzwiesen und Stränden ist es nur ein Katzensprung bis zum Wasser, wo die Nahrung wartet. Ein Buffet vor der Haustür sozusagen. Außerdem erlaubt die flache Landschaft eine sehr gute Übersicht und Feinde werden schnell gesichtet. Trotz der spärlichen Vegetation gibt es meist noch genug Büsche und Gräser, damit sich Jungvögel vor Feinden aus der Luft verstecken können.

Bodenbrüter – Gefahr durch Füchse und Überflutungen

Besonders in den letzten Jahrzehnten wurden die Nachteile für Bodenbrüter immer offensichtlicher. Füchse sind nun immun gegen Tollwut und können sich sehr schnell verbreiten. Vor den 1930er und 1940er Jahren gab es die Raubsäuger in Marschen Schleswig-Holsteins gar nicht, doch heute vernichten sie oft den Nachwuchs ganzer Brutplätze. Sie schleichen sich einfach an und stehlen Eier und Küken, während die Eltern auf Nahrungssuche sind oder hilflos zusehen müssen. Wegen der vielen Füchse beträgt der Bruterfolg an deutschen Festlandküsten nur noch knappe 5 Prozent. Brütende Seeschwalben beispielsweise gibt es in Schleswig-Holstein nur noch an der Elbmündung und am Eidersperrwerk. Früher konnten die Vögel einfach in ein anderers, fuchsfreies Gebiet umziehen. Doch mittlerweile gibt es dafür nicht mehr genug unberührte Landschaft. Daher kommen die Brutkolonien jedes Jahr wieder in die wenigen Naturschutzgebiete – genau wie die Füchse, die genau wissen, wo es leichte Beute gibt. Vogelschützer versuchen, die Vierbeiner mit Zäunen und Fallen fernzuhalten, doch die Erfolge sind gering. Viele Vögel ziehen daher auch auf die Inseln und Halligen um.

Doch dort wartet eine andere Gefahr: Hochwasser. Aufgrund des Klimawandels schmelzen die Gletscher immer schneller, so dass es öfter zu Überflutungen und Extremwetterlagen kommt. Eier und Küken werden einfach fortgespült oder erfrieren im kalten Meerwasser. Die Nähe zur Küste ist für die Vögel also gleichzeitig lebenswichtig und ein enormes Risiko. In der Deutschen Bucht stieg der Meeresspiegel in den letzten 100 Jahren um circa 20 Zentimeter an, an der deutschen Ostseeküste waren es 14 Zentimeter. Besonders Arten wie Austernfischer, Säbelschnäbler, Küstenseeschwalbe, Fluss- und Brandseeschwalbe sowie Lachmöwe sind davon betroffen.

Bodenbrüter – Wehrhafte Improvisationskünstler

Gemeinsam sind wir stark. Dieses Motto befolgen auch viele Bodenbrüter, indem sie sich zu Kolonien zusammenschließen. Gemeinsam können sie besser nach Feinden Ausschau halten und sich gegenseitig warnen. Kommt ein Feind aus der Luft, fliegen etwa die erwachsenen Brandseeschwalben gemeinsam auf und stehen wie ein vielschnäbliger Schutzschirm über dem Brutplatz. Auch bei den Silbermöwen hilft die Kolonie beim Bruterfolg, was die inneren Brutplätze zu den begehrten macht. Allerdings kann eine Kolonie auch Nachteile haben. Ist sie zu groß, führen Nahrungsengpässe zu schwachen und sterbenden Küken oder gar zum Kannibalismus untereinander. Manche Vögel suchen sich auch starke Gastgeber und lassen sich von ihnen beschützen (so suchen Brandseeschwalben beispielsweise die Nähe der Lachmöwen). Als Gegenleistung nehmen die Gastgeber ihren Schützlingen oft die Beute ab (Kleptoparasitismus).

Sowohl den vierbeinigen Räubern als auch dem Wasser gehen manche Vögel durch ganz neue Brutplätze aus dem Weg. Viele Möwen, aber auch Flussseeschwalben und Austernfischer lassen sich auf den flachen Dächern von Hallen und Hochhäusern nieder. Dort gibt es ebenfalls Kies und wenige Pflanzen, aber kaum direkte Gefahren. Höchstens Hausbesitzer, die die Vögel immer wieder vertreiben, stören die Idylle.

Unter den Limikolen gibt es eher den Hang zur Einzelbrut. Sie setzen auf Heimlichkeit und Tarnung, um sich und ihre Jungen zu schützen. Die Küken sind sofort recht selbstständig, verstecken sich unter Pflanzenbüscheln und erlernen schnell die Nahrungssuche im Watt. Dabei ist es allerdings sehr wichtig, dass der Weg zwischen Meer und Salzwiese frei ist. Mit Steinen befestigte Uferkanten haben schon so manchen flugunfähigen Jungvogel das Leben gekostet.

Foto: Deryk Tolman (Lizenz: CC BY 2.0)

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