Der Wankelmut der Brandseeschwalben

Der Wankelmut der Brandseeschwalben

Brandseeschwalben sind Langstreckenzieher und kommen jedes Jahr um die halbe Welt. Doch immer öfter fällt auf, dass viele von ihnen nicht an ihre angestammten Brutplätze zurückkehren. Welchen Grund hat diese Entwicklung?

Von der Hallig Norderoog im Wattenmeer vor Schleswig-Holstein bis zur Südspitze Afrikas – eine Strecke von über 8.000 Kilometern. Eine junge Brandseeschwalbe schaffte sogar noch etwas mehr und flog insgesamt 8590 Kilometer, um ihr Winterquartier zu erreichen. Was für uns nach einer unglaublichen Leistung klingt, ist für die Brandseeschwalben im Grunde Alltag. Je nachdem, wo ihr ursprüngliches Brutgebiet liegt, zieht es sie auf verschiedenen Routen an das große gemeinsame Ziel: Afrika. Denn dort verbringen die Vögel die Wintermonate, bis sie Anfang Februar wieder den Rückflug antreten.

Welche Brutpopulationen gibt es?

Die Vögel mit dem zerzausten schwarzen Federkopf brüten natürlich nicht nur an einem Ort. Man unterscheidet die Nordwesteuropäische Population (unter anderem Skandinavien, Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Deutschland, Estland), die Mittelmeer-Schwarzmeer-Population (Ukraine, Küsten Spaniens und Italiens) und die Kaspi-Population, die isoliert am Kaspischen Meer lebt. Mit etwa 150.000 Individuen ist die Nordwesteuropäische Population übrigens die Größte.

Wer fliegt wie?

Was die Flugroute angeht, folgen die Brandseeschwalben aus Nordwesteuropa einem bestimmten System. Wenn sie in den Monaten August und September wieder von der Natur in ihr Winterquartier gerufen werden, brechen sie zunächst in den vertrauten Gruppen auf. An der französischen Atlantikküste gibt es eine Art geheimnisvollen Knotenpunkt. Dort treffen sich die verschiedenen Ströme der Brandseeschwalben, um schließlich gemeinsam nach Afrika zu fliegen, außen an der Iberischen Halbinsel vorbei, das Meer stets unter sich. Einige Forscher halten es für möglich, dass manche Vögel auch der Straße von Gibraltar folgen, um zum Treffpunkt zu gelangen, daher also über das Festland fliegen.

Die Brandseeschwalben der Mittelmeer-Schwarzmeer-Population sammeln sich im Westen des Mittelmeeres und schließen sich dann der großen Gruppe an der französischen Küste an. Die Kaspi-Population schließlich teilt sich auf. Manche fliegen ebenfalls nach Afrika und treffen dort auf ihre europäischen „Kollegen“. Andere verkürzen die Strecke und bleiben gleich im Oman oder Jemen, während eine dritte Gruppe die Ausläufer Indiens und Sri Lanka ansteuert.

Plötzliche Routenänderungen

Dank umfangreicher Beringungs-Aktionen können Forscher schnell herausfinden, wo eine Brandseeschwalbe zur Welt kam und wohin ihr Weg sie schon geführt hat. Groß war die Überraschung bei der Auswertung folgender Beispiele: ein Vogel mit Ringen aus England und Dänemark wurde beim Brüten in der Ukraine beobachtet – also fernab seines eigentlichen Gebietes. Zwei gebürtig ukrainische Vögel brüteten als Altvögel in Dänemark und auf der Insel Heuwiese bei Rügen.

Forscher erklären diesen Wankelmut durch Störungen in den heimischen Brutgebieten. Leidet eine Brandseeschwalbe an Nahrungsknappheit oder wird bei der Brut gestört, sucht sie sich in der nächsten Brutsaison einen neuen Platz. Das würde bei kleinen Entfernungen natürlich nicht verwundern. Brandseeschwalben, die aber gleich tausende Kilometer von ihrem alten Brutplatz abweichen, sind schon bemerkenswert. Dadurch, dass jedes Jahr eine riesige Brandseeschwalben-Versammlung in Afrika entsteht, ist die Durchmischung der Populationen jedoch nicht auszuschließen. Und als reiseerfahrene Vögel lassen sich die Brandseeschwalben vermutlich einfach mal in neue Länder mitziehen. Wanderlust führt schließlich nie nur in eine Richtung.

Foto: Michele Lamberti (Lizenz: CC BY 2.0)

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