Greifvogelschutz in Kroatien

Christian Kolbe 6. Januar 2016 Keine Kommentare zu Greifvogelschutz in Kroatien
Greifvogelschutz in Kroatien

Auf fünf Inseln der kroatischen Kvarner Bucht brüten die vom Aussterben bedrohten Gänsegeier. Der Tourismus und ein (zu Unrecht) schlechter Ruf machen den Tieren das Leben schwer. 

Das Greifvogelschutzzentrum Grifon kümmert sich um die Tiere, unterstützt von freiwilligen Helfern. Zu ihnen gehört auch Cornelia Kruchten, die in unserem Interview von den bedrohten Luftakrobaten berichtet.

VuN: Wie kam es dazu, dass Sie im Schutzzentrum für Greifvögel mitarbeiten?

Cornelia Kruchten: Anfang 2014 sah ich eine Dokumentation über Naturparadiese in Kroatien im Fernsehen. Unter anderem wurde über die Gänsegeier berichtet, deren Kolonien sich auf den Steilklippen der Inseln der Kvarner Bucht befinden, was weltweit ein einmaliges Phänomen ist. Ich war vom Fleck weg so fasziniert von den Tieren, dass ich die kroatische NGO kontaktierte, die sich für den Schutz dieser dort gefährdeten Greifvogelart einsetzt.

Bereits drei Monate später besuchte ich die Rehastation während eines Kurzurlaubes. Die Greifvögel und die tolle Arbeit, die dort geleistet wird, begeisterten mich so sehr, dass ich beschloss, die Organisation zu unterstützen. Und so kam es, dass ich im Jahr 2014 für insgesamt acht Wochen und im Jahr 2015 sogar während der ganzen Saison (Mai-September) als Volontärin arbeitete.

Der Verein „Grifon“ besteht übrigens nur aus zwei Mitgliedern: dem 57-jährigen Ornithologen Dr. Goran Sušić und seinem 30 Jahre alten Sohn Marin, zeitweilig unterstützt von Volontären.

VuN: Was ist das Besondere an den Gänsegeiern?

Cornelia Kruchten: Ich finde es faszinierend, dass diese 10 bis 12 Kilogramm schweren Tiere nur ein paar kraftvolle Flügelschläge benötigen, um sich mit einer Leichtigkeit in die Luft zu erheben. Sie dabei zu beobachten, wie sie sich mit Hilfe der Thermik immer höher schrauben, ist einfach atemberaubend.
Zu Unrecht werden Gänsegeier als todbringende Tiere gesehen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Geier schützen mit ihrem (Reinigungs-)Dienst an der Natur die Lebenden. Nicht nur, dass sie Tierkadaver beinahe restlos entsorgen, sie verhindern auch die Ausbreitung von Seuchen. Ihre stark konzentrierte Magensäure vernichtet Viren und Bakterien und sichert so den Fortbestand anderer Lebewesen.

VuN: Inwieweit sind die Touristen in Kroatien eine Bedrohung für die Gänsegeier, was machen sie falsch?

Cornelia Kruchten: Die Brutzeit der Gänsegeier findet parallel zur Feriensaison statt. Gerade während der letzten beiden Monate der Aufzucht der Jungtiere ist die Störung durch Touristen am größten. Ganztägig passieren halbstündlich Ausflugsboote die Brutfelsen. Den Touristen selbst kann man eigentlich keinen Vorwurf machen. Denn sie wissen nicht, dass die angebotenen Bootsausflüge zu den Brutfelsen der Gänsegeier und der Aufenthalt an den einsamen Stränden im Naturschutzgebiet verboten sind. Die zuständige Naturschutzbehörde, deren Aufgabe es wäre, die Gesetzüberschreitungen zu ahnden, kommt schlicht und einfach ihren Pflichten nicht nach. Die Vermarktung dieser Attraktion steht über dem Erhalt der Tiere.

VuN: Was könnte man tun, um die Touristen für Gänsegeier ungefährlicher zu machen?

Cornelia Kruchten: Es müssten Verbotsschilder aufgestellt werden und Abstandsbojen zu den Brutfelsen gesetzt werden.

VuN: Wie erfolgreich ist Ihre Aufklärungsarbeit für junge Leute?

Cornelia Kruchten: Sehr erfolgreich! Dr. Sušić blickt auf eine mittlerweile fast 40-jährige Karriere in der Erforschung der Gänsegeier zurück. Er verfasste zahlreiche Fachpublikationen und hat sich damit in den kroatischen Schulbüchern verewigt.

VuN: Wie gut weiß die kroatische Bevölkerung generell über die Situation der Gänsegeier Bescheid?

Cornelia Kruchten: Es wird in regelmäßigen Abständen in den Medien über unsere Arbeit berichtet. Die jährlich im Mai stattfindende Freilassung der rehabilitierten Tiere wird vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt.

VuN: Wie finanziert sich das Schutzzentrum?

Cornelia Kruchten: Das Zentrum finanziert sich durch Spenden und den Ticketverkäufen im Besucherzentrum. Vom Umweltministerium werden 25% der jährlichen Kosten übernommen. Allerdings wird die Unterstützung oft erst sehr spät überwiesen. Die Zuwendung für dieses Jahr erhielt der Verein beispielsweise erst im Juli.

VuN: Sind in Zukunft noch weitere Schutzaktionen geplant?

Cornelia Kruchten: Leider lassen es die finanziellen Mittel des Vereines nicht zu, Vorsorgemaßnahmen zu treffen, um die Tiere zu schützen. Ein eigenes Boot und Überwachungskameras über den Brutfelsen wären nötig. Denn dann könnten wir im Falle eines abgestürzten Vogels sofort handeln. Vom nahegelegenen Hafen am Festland aus erreicht man die Inseln mit einem Schnellboot schon in einer halben Stunde.
Die jetzige Situation ist, dass wir im Falle einer Rettung mit dem Auto 80 Kilometer entlang der stark frequentierten Küstenstraße bis zur Insel Krk fahren müssen. Von dort aus geht es dann mit der Fähre zu den anderen Inseln. Der Rettungsweg (Hin und Zurück) liegt bei insgesamt rund 300 Kilometern und 3-4 Stunden einfache Fahrtzeit. Die Kosten sind dementsprechend hoch.
Auch das Futter für die Tiere bekommen wir leider nicht umsonst. Es werden ca. 2-3 Schafe pro Woche benötigt. Ein Schaf kostet 30 Euro.
Die geretteten Gänsegeier verbleiben bis zu einem Jahr in der Rehastation. Denn man möchte sichergehen, dass sie stark genug für eine Wiederfreilassung sind und sich im Frühjahr den wildlebenden Artgenossen anschließen können.

Bild: Grifon Greifschutzvogelzentrum

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