Rohrweihe – Der etwas andere Circus-Vogel

Rohrweihe – Der etwas andere Circus-Vogel

„Circus aeruginosus“ – ein klangvoller Name. Und in der Tat: Die Rohrweihe, so ihr deutscher Name, hat in der Luft beachtliche akrobatische Fertigkeiten vorzuweisen. 
Die stellt sie bei der Balz zur Schau und benötigt sie bei der Jagd. Denn die Rohrweihe ist ein Raubvogel aus der Familie der Habichte. Ein schön anzusehender, aber nicht wirklich freundlicher Zeitgenosse.

Aussehen

Für Einsteiger in die Vogelbeobachtung ist die Rohrweihe nicht ganz einfach. Auf den ersten Blick sieht sie dem Mäusebussard sehr ähnlich. Mit einer Länge von rund 55 cm ist sie praktisch genau so groß und auch der Grundton des Gefieders, ein dunkles braun, birgt Verwechslungsgefahr. Auf den zweiten Blick werden die Unterschiede dann aber deutlich: Die Rohrweihe ist schlanker und hat schmalere Flügel. Während die größeren Weibchen durchgehend dunkelbraun gefiedert sind und nur einen hellgelb-cremefarbenen Kopf mit schwarzem Strich um die Augen aufweisen, haben die Männchen noch ein, zwei Erkennungsmerkmale mehr. Mittelbereich und Unterseite der Flügel sowie der Schwanz setzen einen deutlich sichtbaren silbergrauen Kontrast, die Flügelspitzen sind schwarz.

Vorkommen

Die Rohrweihe ist ein Zugvogel und wechselt ihren Lebensraum entsprechend halbjährig. Von März bis August/September ist ihr Hauptvorkommen in Nord- und Mitteleuropa sowie dem vorderen Russland. Als Überwinterungsgebiete wählt er als Kurzzieher Südwest- und Südosteuropa oder die Türkei, oder aber als Langzieher Zentral- und Ostafrika südlich der Sahara sowie die indische Halbinsel.

Feuchtgebiete sind der wichtigste Lebensraum für die Rohrweihe. Als diese im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend trocken gelegt wurden, reduzierte sich die Zahl der Brutpaare drastisch. Mittlerweile genießt der Greifvogel aber den Schutz der europäischen Vogelschutzrichtlinie, sodass sich der Bestand seit den 1950ern wieder erholt hat. Von den weltweit rund 100.000 Exemplaren leben die meisten in Mitteleuropa. Etwa 25.000 Brutpaare werden dort geschätzt, etwa die Hälfte davon in Polen und Deutschland.

Vogelbeobachtungs-Tipps

Ihren Namen verdankt die Rohrweihe ihrem Lebensraum, den erwähnten Feuchtgebieten. Dort bevorzugt sie vor allem Landschaften mit viel Röhricht (z.B. Schilf), also Moore, Sümpfe und Seeufer. Sie brütet am Boden und versteckt das Nest zwischen den hohen Schilfrohren. Inzwischen lassen sich Rohrweihen aber auch immer öfter auf Raps- oder Getreidefeldern beobachten. Diese nutzen sie  zwar kaum als Brutplatz, aber gerade auf dem Zug sind sie dort öfter anzutreffen.

Wer die Rohrweihe beobachten möchte, braucht keine Angst vor einem steifen Nacken zu haben. Es reicht, den Blick einige Meter über dem Boden schweifen zu lassen. Unser Vogel der Woche brütet nämlich nicht nur am Boden, er jagt dort auch. Als Raubvogel hat er es vor allem auf kleinere Singvögel abgesehen und schnappt sich auch Küken aus unbeaufsichtigten Nestern oder wenn sie beispielsweise ihrer Entenmutter hinterher laufen. Aber auch kleinere Säugetiere wie Feldmäuse, junge Kaninchen oder Bisamratten frisst die Rohrweihe. Fische stehen eher seltener auf ihrem Speiseplan, gelegentlich bediehnt sie sich aber an Aas (z.B. am Straßenrand) oder klaut sogar anderen Vögeln die Beute. Beim Beobachten solltet ihr wissen: Im Gegensatz zu anderen Raubvögeln haben Rohrweihen keinen festen Rupfplatz, den sie mit ihrer Beute aufsuchen. Sie fressen sie gleich an Ort und Stelle. Wer ein Exemplar bei der Jagd erwischt, bekommt also gleich die komplette Show, sollte sich aber nicht darauf verlassen, dass er sie morgen am selben Platz noch einmal zu sehen bekommt.

Bei der Jagd, aber vor allem beim Balzflug im März/April vollbringt sie teils akrobatische Kunststücke in der Luft. Aber der  „normale“ Flug kann sich sehen lassen. An der für Weihen charakteristischen V-Stellung der Flügel lässt sie sich gut erkennen. Und mit einer Spannweite von bis zu 130 cm hat sie einiges zu bieten.

Übrigens: Wer den Ruf der Rohrweihe hört (in der Natur und nicht wie hier im Internet), kann sich ziemlich sicher sein, dass er nicht nur einen Vogel beobachten kann. Sie nutzt ihn fast ausschließlich in der Nähe des Brutplatzes zur Balz oder Revierverteidigung.

Foto: Ron Knight (Lizenz: CC BY 2.0) / flickr.com

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