Vogelbeobachter Großbritanniens: zwischen Vergnügen und Obsession

Vogelbeobachter Großbritanniens: zwischen Vergnügen und Obsession

Vogelbeobachtung in Großbritannien ist für die „Birder“ längst nicht nur ein niedliches Hobby: oft herrschen knallharte Rivalenkämpfe auf der Jagd nach den seltensten Vögeln der Insel.

Ganz Großbritannien ist eine raue Naturschönheit, von den Küsten über das bergige Innere des Landes, in dem Regen kein Ärgernis, sondern eine Art Notwendigkeit ist. Und landschaftliche Unberührtheit lockt natürlich auch eine vielseitige und interessante Tierwelt an, die Vögel nicht zu vergessen. Aus diesem Umstand ergibt sich die Welt der britischen Vogelbeobachter. Eine Welt, in der Lebensgefahr und private Tragödien (Jobverlust und Scheidung, es ist alles schon vorgekommen) einander genauso abwechseln wie Intrigen und Prügeleien zwischen Rivalen. Wahrscheinlich lässt sich die unheimliche Faszination der Birder für einen Außenstehenden niemals ganz verständlich machen. Warum auf der Suche nach einem Vogel über wettergebeutelte Felsen klettern, wenn man mit einem Buch vor dem Kamin sitzen könnte?

Vogelbeobachtung in Großbritannien: Alles für den Kick

Es geht um den Kick, der erste zu sein, die meisten Vogelarten der britischen Inseln beobachtet zu haben. Lee Evans kann davon wahrscheinlich viele Lieder singen. Er hält mit 386 beobachteten Arten innerhalb eines Jahres den Rekord.

Woher man hundertprozentig wissen kann, dass ein Birder tatsächlich so viele Arten gesehen hat, wie er angibt? Eigentlich gar nicht. Oft ist die Begegnung mit einem seltenen Vogel so flüchtig, dass das ersehnte Beweisfoto eben nicht mehr zustande kommt. Dann muss auf das Vertrauen der Rivalen gehofft werden. Natürlich gibt es Beobachtungslisten, sogar tausende. Sie alle sind aber nur mehr oder weniger glaubwürdig.

Ebenso wie das „Twitching“ (Begriffmischung aus „to twitch“=zerren, zwicken und „birdwatching“) hässlich und unfair sein kann, kann es für den Birder auch schnell lebensgefährlich werden. Untergehende Boote auf dem Weg zu einem Hotspot sind keine Unmöglichkeit. Und da viele Birder schon über 50 Jahre alt sind, kam es auch schon zu Herzattacken angesichts eines seltenen Vogels.

2012 kletterten hunderte wild entschlossene Vogelbeobachter auf ein Vorstadthaus in Hampshire, weil sie alle unbedingt den seltenen Weidensperling sehen wollten. Die Polizei musste einschreiten.

Auch in Deutschland ein beliebtes Hobby

Doch abgesehen von all diesen eher exzentrischen und wunderlichen Episoden der Vogelbeobachtung in Großbritannien ist Birdwatching ein Hobby, das den Menschen zurück zur Natur führt und uns im besten Fall ein neues Verständnis für die Schönheit um uns herum offenbart. Es muss ein erhebendes Gefühl sein, nach Stunden an der frischen Luft und in makelloser Natur einem Vogel gegenüberzustehen, den man vielleicht schon wochenlang sucht. Wer einmal mit dem Birdwatching-Virus infiziert ist, den durchströmt in solchen Momenten heißes Adrenalin.

Auch in Deutschland wird diese Tätigkeit mittlerweile immer beliebter, Internetseiten wie Birdnet.de bekommen viel Zuwachs und der Absatz im Fernglasgeschäft steigt in die Höhe. Schließlich eignen sich auch die verschiedenen Landschaften Deutschlands bestens zur Vogelbeobachtung. Habt ihr auch Lust bekommen? Dann schnappt euch doch für den Anfang einfach ein handliches Vogellexikon und das alte Fernglas aus dem Keller und macht euch zum nächsten See oder Wald auf. Ihr müsst ja nicht gleich euren Job kündigen.

Foto: Jo Guldi (Lizenz: CC BY 2.0) / flickr.com

Diesen Artikel empfehlen

Diskutieren Sie über diesen Artikel