Zum NABU-Geburtstag: Gründerin Lina Hähnle

Zum NABU-Geburtstag: Gründerin Lina Hähnle

Es war eine Frau, die im sonst so stark von Männern dominierten Jahr 1899 ein entscheidendes Zeichen für den Vogelschutz setzte. Lina Hähnle gründete in Stuttgart den Bund für Vogelschutz (BfV), der heute NABU heißt und in diesem Jahr seinen 120. Geburtstag feiert.

„Ich konnte die rücksichtslose Ausbeutung der Natur einfach nicht mehr mit ansehen“ sagte Lina später über die Anfänge des BfV. Damals waren zum Beispiel die pompösen Hüte der Damen mit echten Federn von Silberreihern und Paradiesvögeln geschmückt, die dafür sterben mussten. Lina Hähnle wollte solche Vergehen verhindern und gleichzeitig für einen ganzheitlichen Umweltschutz eintreten.

Lina Hähnle: Galionsfigur des Vogelschutzes

Dass Lina Hähnle den Vorsitz des BfV übernahm, lag schlicht daran, dass sich niemand anderes für den Posten fand. Ursprünglich war es gar nicht ihre Absicht, so sehr im Rampenlicht zu stehen. Doch sie schien für diese Rolle wie gemacht zu sein. Die Naturschutzszene war zerrissen, es fehlte eine inspirierende Persönlichkeit, wie heute vielleicht Greta Thunberg eine ist. Lina lernte schnell, alle Fäden in der Hand zu halten, in der Öffentlichkeit zu sprechen und Konflikte zu lösen. Sie war eine offene, praktisch veranlagte und leidenschaftliche Frau, die sowohl Adel und Großbürgertum als auch Arbeiter und Handwerker für sich gewinnen konnte. Zwar war ihre Familie reich, doch Lina Hähnle trug das nie zur Schau und reiste meist mit der „Holzklasse“ der Bahn, um unterwegs mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Meist hatte sie am Ende der Fahrt ein paar neue Mitstreiter gefunden. Um den BfV zu einem möglichst offenen Verein zu machen, hielt sie Mitgliederbeitrag gering (50 Pfennig für Erwachsene, 10 für Kinder) und setzte auch kein besonderes Fachwissen voraus. Jeder, dem etwas an der Natur und den Tieren lag, konnte Mitglied werden. So entwickelte sich der BfV schnell weiter und zählte 1938, als Lina ihr Amt niederlegte, über 41.000 Mitglieder.

Dass Lina Hähnle so erfolgreich agieren konnte, verdankte sie nicht zuletzt der Unterstützung ihres Mannes. Auch wenn seine Frau für ihr Engagement teilweise kritisch beäugt wurde, gab ihr Gatte ihr grundsätzlich Rückhalt: „Du kannst es tun und ich will es unterstützen, aber mache unserem Namen keine Unehre“ antwortete Hans Hähnle auf ihr Vorhaben. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann und später auch Abgeordneter im Reichstag. So konnte er die Organisation seiner Frau finanziell und politisch unterstützen, die beiden Wohnsitze in Stuttgart und Giengen dienen über Jahrzehnte als Geschäftsstellen.

Der NABU heute

Neben der Aufklärungsarbeit mit Broschüren und Flugblättern übte der BfV auch direkten politischen Einfluss aus. Lina Hähnle agierte in alle Richtungen der Gesellschaft und wusste um die Wirkung von Prominenten. So wurde 1912 sogar US-Präsident Woodrow Wilson Mitglied des BfV.

Wenn der NABU heute Flächen ankauft, um sie für den Naturschutz zu sichern, hat das eine lange Tradition. Kurz nach der Gründung des BfV schenkte die Stadt Giengen ihm eine kleine Flussinsel – bald darauf kauft der BfV die Nachtigalleninsel am Neckar bei Lauffen. Und es wurde fleißig weiter investiert: Schon 1911 floss ein Drittel des Jahreshaushalts in den Flächenkauf. Heute besitzt die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe über 20.000 Hektar Land.

Lina Hähnle starb 1941 in Giengen, doch ihr Erbe und ihre Philosophie leben im NABU fort. Über 700.000 Mitglieder und Förderer setzen sich heute in mehr als 2.000 lokalen Gruppen für den Vogel- und Naturschutz ein. Rund 40.000 ehrenamtliche Helfer leisten pro Jahr gut 2,5 Millionen Stunden freiwillige Arbeit. Das alles geht auf eine Frau zurück, die ihren Mut und ihre Schaffenskraft nutzte, um einen neuen Weg einzuschlagen und unzählige Herzen für den Erhalt der Natur zu gewinnen. Unter anderem ist eine Nationalpark-Station und ein Berliner Restaurant des NABU nach ihr benannt.

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