Kuriose Vogelwelt #9: Küken tarnt sich als giftige Raupe

Kuriose Vogelwelt #9: Küken tarnt sich als giftige Raupe

Dieses Küken schmückt sich mit fremden Federn: Durch ausgefuchste Mimikry gibt es vor, eine giftige Raupe zu sein!

Ein komisches Küken

Logisch: Wer klein ist, ist auch leichter verletzlich. Gerade in der Tierwelt ist diese Regel überlebenswichtig. Bei vielen Vögeln führt das dazu, dass die Jungen nicht das hübsche, auffällige Federkleid der Eltern tragen, sondern gedeckte, dunklere Farben. Hässliche Entlein sind nämlich schwerer zu entdecken als stolze Schwäne. Wie Forscher jetzt in den tropischen Wäldern Südamerikas entdeckt haben, gibt es auch bei dieser Regel Ausnahmen. Die Küken des unauffälligen Sperlingsvogels Laniocera hypopyrra, zu deutsch Grauer Tropfenflügeltyrann, tun das genaue Gegenteil. Sie sind alles andere als grau, sondern leuchtend orange und wollig mit borstenartigen weißen Spitzen. Mit diesem Federkleid stehen die Küken ganz allein da: Kein Vogel der Region sieht auch nur entfernt so aus. So groß und haarig ist tatsächlich nur ein einziges Tier: die Raupe der Schmetterlingsfamilie Megalopygidae (siehe Bild).

Tarnung oder Warnung?

Ganz klar: Gut getarnt ist das Küken des Grauen Tropfenflügeltyrannen mit seinem Knallorange nicht. Doch das hat seinen Grund: Das ungewöhnliche Federkleid hat keine Tarn-, sondern eine Warnfarbe. Tatsächlich ist nämlich die Raupe, welche es imitiert, giftig: Sie hat giftige Brennhaare, deren Widerhaken sich in der Haut des Angreifers verhaken und ihn lähmen. Daher wird sie von Fressfeinden gemieden. Ein Forscherteam rund um Gustavo A. Londoño von der Universität Kalifornien vermutet deswegen, dass es sich um einen Fall von Mimikry handelt. Dabei imitiert eine Tierart zu ihrem eigenen Vorteil das Erscheinungsbild einer anderen.

In unserem Fall profitiert das Küken vom Gift der Raupe, obwohl es selbst völlig harmlos ist. Bei ihren Forschungen im Tal des Río Madre de Dios im Südosten Perus sammelten Londoño und seine Kollegen jedoch noch weitere Belege für die vermutete Mimikry. In der 2015 in The American Naturalist veröffentlichten Studie beschreiben sie, wie das Küken auch das Verhalten der Raupe imitiert. So wiegt es raupentypisch den Kopf seitlich hin und her, und bewegt sich in Abwesenheit seiner Mutter kriechend fort. Dieses skurrile Verhalten belegt das folgende Video:

Nur wenn die Vogelmutter einen speziellen Ton zur Entwarnung ausstößt, hört das Küken mit der Charade auf. Wie ihr hier seht, kommt das Küken mit seiner Mimikry der großen Raupe relativ nah:

Die aufwändige Mimikry braucht das Vogeljunge deswegen, weil es in einer besonders gefährlichen Umgebung aufwächst. Im südamerikanischen Tropenwald sind Vogelküken stark von Fressfeinden wie Schlangen, Kleinsäugern und andere Greifvögeln bedroht. Deswegen lohnt sich die Mimikry als Schutzmechanismus. Darüber hinaus hebt sich das Orange des Vogelbabys kaum vom Laub des Bodens ab – tatsächlich könnte es sich also um eine Mischung aus Warnen und Tarnen halten.

Bates’sche Mimikry und andere Signalfälschungen

Wenn die Forscher aus Kalifornien Recht behalten, handelt es sich bei der Strategie des Vogelkükens um sogenannte Bates’sche Mimikry. Dabei geben harmlose Tiere vor, giftig oder gefährlich zu sein, um nicht gefressen zu werden. Ein heimisches Beispiel für diese Art der Mimikry sind die Schwebfliegen, welche die Warnfarbe von Wespen und Bienen imitieren. Meist tritt Bates’sche Mimikry nur bei Insekten auf, bei Wirbeltieren ist sie sehr selten. Das Küken des Grauen Tropfenflügeltyrannen wäre der erste belegte Fall eines Vogels, der vorgibt, ein Insekt zu sein, und somit auch der erste Fall der Bates’schen Mimikry bei Vögeln überhaupt.

Die Tarnung mit Warnfarbe ist übrigens bei weitem nicht die einzige Art der Mimikry. Es gibt auch den umgekehrten Fall, bei dem ein gefährliches Tier sich als harmloses ausgibt, damit es unentdeckt bleibt. Diese Art von Überlebensstrategie nennt man aggressive Mimikry. Und sogar bei Pflanzen gibt es Mimikry – etwa bei Orchideen, die den Duft und die Form von Bienenköniginnen imitieren, um Drohnen anzuziehen. Unser Raupenküken ist mit seiner Mimikry also in guter Gesellschaft unter Überlebenskünstlern!

>> Den Originalartikel findet ihr zum Download bei JSTOR.

>> Alle Beiträge der Serie „Kuriose Vogelwelt“ könnt ihr hier nachlesen.

Foto: aecole2010 (Lizenz: CC BY 2.0 – Bildausschnitt vom Original geändert) / flickr.com

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