Bartgeier: Der Knochenfresser unter den Vögeln

Bartgeier: Der Knochenfresser unter den Vögeln

Bartgeier ernähren sich fast ausschließlich von Knochen und sind auf faszinierende Weise an diesen kargen Speiseplan angepasst.

Knochen? Nein danke!

Ein Mensch, der ein Kotelett oder eine Keule verspeist, trennt dabei möglichst säuberlich das Fleisch von den Knochen und lässt diese auf dem Teller zurück. Davon abgesehen, dass sie uns nicht schmecken, lassen sich Knochen auch nicht ohne Weiteres zerkleinern oder verdauen. Im Tierreich sieht es teilweise schon anders aus: Viele Greifvögel nehmen beim Fressen auch Knochenteile auf. Allerdings würgen sie diese oft unverdaut wieder hoch; bei Eulen ist das ein typisches Verhalten. Selbst Streifen- und Tüpfelhyänen, die mit ihrem kräftigen Kiefer auch große Knochen knacken können, ernähren sich trotzdem größtenteils von Fleisch.

Bleibt also noch der Bartgeier. Knochen machen 70 bis 90 Prozent seiner Nahrung aus, man nennt diese Ernährungsweise auch ossivor. Der riesige Vogel schlägt keine lebenden Beutetiere, sondern ernährt sich von Kadavern. Er ist der Letzte in einer Reihe von Aasfressern, zu denen in Europa nicht nur Geier, sondern auch Steinadler, Kolkrabe sowie Fuchs und Wolf zählen. Erst wenn all diese Tiere sich an einer Beute satt gefressen haben, kommt der Bartgeier zum Einsatz und verwertet das, was alle anderen verschmäht haben. Frei lebende Bartgeier benötigen täglich 300 bis 400 Gramm Knochen. Das erscheint bei einem Körpergewicht von fünf bis sieben Kilogramm ziemlich wenig. Allerdings haben Knochen einen hohen Nährwert, was unter anderem auch erklärt, warum die beeindruckenden Tiere auf diese sperrige Kost spezialisiert sind.

Bartgeier: Knochen als Energiepaket

Als Teil des skelettbildenden Bindegewebes besteht Knochen zu 50 Prozent aus Mineralien. Hinzu kommen 25 Prozent Wasser sowie 25 Prozent organische Substanz. Diese enthält wiederum zu über 90 Prozent das Protein Kollagen. Im Inneren des Knochens befindet sich darüber hinaus das sehr fetthaltige Knochenmark. Bei Säugetieren haben die Knochen deshalb sogar einen höheren Energiegehalt als Muskeln.

Noch ein Vorteil von Knochen: Sie sind lange haltbar. Werden sie lange gelagert, verlieren sie an Wasser. Das sorgt aber dafür, dass Kollagen und Knochenmark noch besser konserviert werden. Noch Monate nach dem Tod eines Tieres kehren Bartgeier immer wieder zu seinen Überresten zurück, um davon zu fressen. Durch den Wasserverlust lassen sich die Knochen außerdem leichter transportieren.

Bartgeier: Perfekt angepasste Knochenbrecher

Bartgeier bevorzugen die Knochen von Säugetieren wie Schaf-, Ziegen- und Hirschartigen. Den größten Nährwert enthalten hier die Knochen der Beine. Bei einer Länge von bis zu 30 Zentimetern kann ein Bartgeier diese sogar direkt verschlucken. Das erfordert natürlich einen besonderen Körperbau. Der Schnabel lässt sich sehr weit öffnen, die kräftige Zunge ist kurz und sehr beweglich. Damit die langen Knochen den Atemwegen nicht in die Quere kommen, befindet sich die Kehlöffnung in der Mitte des Unterschnabels. Sowohl die Mundhöhle als auch die Speiseröhre und der Magen sind extrem dehnbar.

Den stark gekrümmten Oberschnabel nutzt der Bartgeier gleichzeitig als Haken, Flachzange und Seitenschneider. Er kann Federn und Haare von der Haut lösen, Gewebe vom Knochen trennen und ein Skelett punktgenau zerlegen.

Ist ein Knochen viel zu groß, greift ihn sich der Geier mit den kräftigen Krallen, fliegt los und lässt ihn aus einer Höhe von 50 bis 80 Metern auf steinigen Untergrund fallen. Zerspringt die Nahrung nicht sofort, lässt der Geier sie wieder und wieder fallen, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. Diesen Vorgang müssen schon die Jungvögel fleißig üben, um später Erfolg damit zu haben. Sie werden übrigens in den ersten beiden Lebensmonaten fast ausschließlich mit Fleisch gefüttert, danach steigen sie auf Knochen um.

Bartgeier: Ein Magen aus Stahl

Was passiert nun im Magen eines Bartgeiers mit den harten Knochen? Der Magen ist ein dehnbarer Schlauch, in seiner Wandung sitzen Zellen, die praktisch reine Salzsäure produzieren. Diese zersetzt die Knochen; warum der Magen davon unbeschadet bleibt, ist bisher noch ein faszinierendes Rätsel. Die Knochenverdauung dauert beim Bartgeier 24 bis 30 Stunden. Zum Vergleich: Die Verdauung von Muskelfleisch ist bei Greifvögeln nach drei bis sechs Stunden abgeschlossen.

Die großen Geier haben keinen Kropf. Zur Aufbewahrung von sperrigen Knochenteilen dient ihnen die stabile Speiseröhre. Daher kann manchmal sogar ein fliegender Bartgeier beobachtet werden, dem noch ein Knochen aus dem offenen Schnabel ragt.

Wie die Eulen produzieren auch Bartgeier Gewölle. Allerdings picken sie sich die Knochenteile aus den Klauen und Haaren ihrer Beute heraus und fressen sie einfach erneut – die Knochen werden sozusagen recycelt.

Foto: Francesco Veronesi (Lizenz: CC BY-SA 2.0)

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