Falken auf Kollisionskurs – Krähenjagd aus der Vogelperspektive

Falken auf Kollisionskurs – Krähenjagd aus der Vogelperspektive

Ihr wollt mal wieder einen richtig guten Actionfilm sehen? Dann führt euch doch diesen Thriller aus der Feder von Mutter Natur zu Gemüte. Hauptrollen: ein Wanderfalke, eine Krähe. Kamera: der Falke selbst.

Mit Falken auf der Jagd

Falken sind faszinierende Tiere, wie ihr aus unseren Berichten über TurmfalkeBaumfalke und Merlin sicher wisst. Das finden auch Suzanne Kane vom Haverford College in Pennsylvania und ihre Studentin Marjon Zajami. Die beiden Wissenschaftlerinnen wurden bei ihrer Recherche nach der Jagdtechnik von Falken nicht fündig und wandten sich daraufhin der Praxis zu. Ziel war es, die Jagd der Falken aus der Perspektive des Jägers zu beobachten. Diese besondere Art der Vogelbeobachtung erreichten die Forscherinnen, indem sie die Falken mit kleinen Kamerarucksäcken ausstatteten. So als Kameraleute eingespannt wurden Gerfalken (falco rusticolus), Mischlinge aus Ger- und Sakerfalken (falco cherrug) sowie Wanderfalken (falco peregrinus).

Dass der zuletzt genannte Wanderfalke spektakuläre Aufnahmen bietet, verwundert Vogelkenner natürlich nicht. Schließlich handelt es sich hierbei um das schnellste Tier der Welt, das seiner Beute mit bis zu 322 Stundenkilometern nachjagt. Entstanden sind mitreißende Aufnahmen einer rasanten Jagd, die keineswegs immer zugunsten des Jägers ausfällt. Auch das Opfer, eine Krähe, spielt eine aktive Rolle im Kampf um das Überleben. Als Zuschauer fragt man sich nach diesem Thriller zwangsläufig: Wie wäre es, ein Falke zu sein? Und wie, die Krähe?

Erkenntnisse der Kopfkamera


Spannend ist das Video der Falkenjagd nicht nur für Vogelbeobachter und -interessierte, sondern auch für die Wissenschaft. Die Jagdtechnik der Falken war bisher ein wenig erforschtes Gebiet und wurde hauptsächlich in Computer-Simulationen betrachtet. Die mit der Kopfkamera erstellten Videos sollten neue Erkenntnisse bringen. Wenn ihr das Video gesehen habt, fragt ihr euch vielleicht, wie man aus diesen wackligen, wenngleich packenden Bildern wissenschaftliche Schlussfolgerungen ziehen kann. Berechtigte Frage: Nicht alles ist mit bloßen Auge zu erkennen. Die Forscherinnen Kane und Zajami speisten jede Position von Jäger und Gejagtem aufwändig in einen Computer ein, der daraus die Flugrouten beider errechnete.

Falken – Seefahrer der Lüfte

Die Ergebnisse waren unerwartet: Falken nutzen auf der Jagd weniger ihre Schnelligkeit als ihre Intelligenz. Anstatt der verfolgten Krähe stumpf hinterher zu fliegen, fliegt der Wanderfalke sein Opfer seitwärts an. Nicht nur das: Der Falke imitiert auf der Jagd jeden Richtungswechsel der Krähe, sodass diese den Eindruck hat, der Falke würde sich in konstantem Abstand zu ihr befinden. Tatsächlich nähert sich der Wanderfalke seinem Opfer aber aus einem sehr flachen Winkel, der aus der Perspektive der Krähe kaum sichtbar ist. Daher sieht man im Video die Krähe selten in der Mitte des Blickfelds, sondern zumeist am äußersten Rand. Im entscheidenden Moment der Verfolgung kreuzt der Falke schließlich die Route der Krähe und schneidet ihr so den Weg ab. Ähnliche Jagdtechniken nutzen auch Libellen und Fledermäuse.
Bekannt ist die Technik auch aus der Seefahrt. Nähert sich ein Schiff dem anderen mit stehender Peilung und abnehmender Entfernung, befindet es sich auf Kollisionskurs. Seeleute müssen gezielt auf diesen Sachverhalt hin geschult werden, da die Gefahr aus der Perspektive des betroffenen Schiffs kaum zu sehen ist. Genauso geht es der Krähe mit dem sich nähernden Falken: Der Angreifer scheint zu stehen und wird so als Gefahrenquelle unterschätzt. Die Krähe bemerkt den Kollisionskurs des Falken nicht.

Evolution in Natur und Technik

Wie die beiden Wissenschaftlerinnen im Journal of Experimental Biology feststellten, ist die Jagdtechnik der Falken das Produkt langen evolutionären Wettrüstens zwischen Jäger und Beute. Falken sind so an die Flugrouten ihrer Beutevögel angepasst, dass sie deren zukünftige Position ansteuern können. Da die Evolution keine einseitige Angelegenheit ist, haben auch Krähen spezielle Ausweichmanöver entwickelt. Eine der aufgenommenen Krähen flog ihrem Angreifer etwa frontal entgegen, um einem Angriff zu entgehen. Eine leicht plumpe, aber sehr effektive Technik.
Nun wird spekuliert, ob man die Erkenntnisse über das Jagdverhalten von Falken zum Bau von Drohnen und anderen Flugrobotern nutzen kann. Ob Suzanne Kane und ihre Studentin diese Anwendung im Sinn hatten, als sie die Kopfkameras für Falken entwickelten?

Foto: © Frank Vassen / www.flickr.com/photos/42244964@N03/

Diesen Artikel empfehlen

Diskutieren Sie über diesen Artikel