„Jeder Gemeinde ihr Biotop“ – Ein Naturprojekt für die Zukunft

„Jeder Gemeinde ihr Biotop“ – Ein Naturprojekt für die Zukunft

Große, einzelne Naturschutzgebiete allein sind nicht die Lösung, um den Artenrückgang in Deutschland aufzuhalten. Das Projekt „Jeder Gemeinde ihr Biotop“ setzt auf viele kleine Lebensräume, die überall in der Republik entstehen sollen.

Platz für natürliche Lebensräume haben wir in Deutschland immer noch genug. Allerdings können diese Gebiete heute nicht mehr so weitläufig und zusammenhängend sein wie früher. Das liegt vor allem daran, dass unsere Städte, Dörfer, Felder und Fabriken die Landschaften neu aufgeteilt haben. Und die Pflanzen und Tiere, deren Anspruch auf das Land genau so groß ist wie unserer? Denen geben wir in den Naturschutzgebieten Raum, dachte man. Aber das allein reicht nicht.

Naturschutzgebiete nehmen insgesamt nur rund vier Prozent der Landesfläche ein und ihre Gesamtbilanz für den Artenschutz fällt eher ernüchternd aus. Die seit 1971 geführten „Roten Listen“ werden immer länger, früher weit verbreitete Arten wie Rebhuhn und Braunkehlchen stehen kurz vor der Auslöschung. Auch dass die Zahl der Bienen und Hummeln immer weiter abnimmt und damit mittlerweile sogar unser Überleben bedroht ist, rüttelt niemanden wirklich auf. Gerade in der Landwirtschaft scheint alles seinen gewohnten (und umweltschädlichen) Gang zu gehen.

„Jeder Gemeinde ihr Biotop“

Zum Glück gibt es Menschen, die unermüdlich nach Lösungen suchen, um unsere Artenvielfalt zu retten. Schon 1988 entwickelte der Ornithologe Peter Berthold mit seinen Mitarbeitern das Konzept „Jeder Gemeinde ihr Biotop“. Der Name ist eigentlich schon selbsterklärend: Jede Gemeinde soll in ihrem Umland etwa zehn bis 15 Prozent Nutzfläche für die Natur reservieren, vor allem Ödland käme da infrage. Dieses wird dann renaturiert und den wild lebenden Pflanzen und Tieren, die so dringend einen Rückzugsort brauchen, zur Verfügung gestellt.

Weil eine Theorie am besten immer auch gleich ausprobiert wird, erschuf die Heinz Sielmann Stiftung 2003 mit dem „Biotopverbund Bodensee“ einen Prototyp. Herzstück des Gebietes wurde der „Heinz-Sielmann-Weiher mit angrenzenden Feuchtgebieten“. Auf rund 15 Hektar entstanden dort Weiher und Tümpel, umgeben von Gräben, Rinderweiden und Streuobstwiesen. Die Stiftung wertete das Leben in dieser künstlich erschaffenen Oase zehn Jahr lang aus – und kam zu erfreulichen Ergebnissen.

Kleines Biotop, große Wirkung

Kurz vor der Einrichtung des Biotops gab es etwa 101 Vogelarten in dem Gebiet, Kiebietz, Wendehals und andere waren bereits verschwunden. Mit dem Biotop stieg die Anzahl der beobachteten Arten sofort wieder an, mittlerweile sind es mehr als 180.

2003 brüteten etwa 39 Arten regelmäßig, nach der Einrichtung des Biotops stieg diese Zahl auf über 60 an. Ganze 13 Arten siedelten sich als komplett neue Brutvögel an, darunter Weißstorch, Graugans, Kolbenente, Zwergtaucher, Teichhuhn und Schwarzkehlchen. Neben den Brutvögeln nutzen auch zahlreiche Zugvögel das Gebiet als wertvollen Rast- und Nahrungsplatz.

Natürlich kam der neue Lebensraum nicht nur Vögeln zugute. Zur Laichzeit leben dort heute bis zu zehntausend Erdkröten sowie Gras-, Wasser- und Laubfrösche. Bei den Libellen wurden bisher 35 verschiedene Arten beobachtet und bei den Blühpflanzenarten sind es stolze 340 Arten.

Das große Ziel im Projekt „Jeder Gemeinde ihr Biotop“ ist ein Deutschland, in dem jede selbstständige Gemeinde mindestens einen Lebensraum für Tiere und Pflanzen anlegt. Nach den Ergebnissen vom Bodensee wäre es schon äußerst wirkungsvoll, wenn alle zehn Kilometer ein Lebensraum wie der Heinz-Sielmann-Weiher entstünde. Ein solches Netzwerk würde das ganze Land grüner, gesünder und natürlich artenreicher machen.

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1 Kommentar

  1. Gaby Lindinger 14. Juni 2020 um 19:01 Uhr

    sehr geehrte Damen und Herren,
    ich habe begonnen kleine Gemeinde Wiesenteile in Wörth bei Erding in Blühwiesen zu verwandeln. Nach den ersten gelungenen Versuchen habe ich den Bürgermeister und eine Gemeinderätin (BN Mitglied) eingeladen und versucht Begeisterung zu wecken.
    Der Bürgermeister war sehr kooperativ. In der Umsetzung größere Grünflächen in Blühwiesen zu verwandeln stellte sich heraus das dies von den Mähkonzepten schwierig ist. Es wurde zum Teil zu früh gemäht oder das Mähgut lag viel zu lange auf den Wiesen.
    Wie kann ich den Bürgermeister (auch den Bauhof)
    noch mehr für ein anderes Wiesenkonzept gewinnen.
    Ich selbst leite ein großes Kinderhaus „Naturkinder St. Georg Pöring“ die Gemeinde ist dort sehr aufgeschlossen und unterstützt uns wo es geht. Alle 2 Jahr haben wir eine Tagung mit der ANL zusammen für naturnahe Spielräume.
    Wie könnte ich die Gemeinde noch überzeugen, der Wille ist ja in Wörth da…
    Herzliche Grüße
    Gaby Lindinger

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