Gefährliche Reiseroute: Zugvogeljagd im Libanon

Gefährliche Reiseroute: Zugvogeljagd im Libanon

Jedes Jahr machen sich Millionen von europäischen Zugvögeln auf den Weg in ihre Winterquartiere und überqueren dabei den Libanon. Dort erwartet die meisten von ihnen ein Massaker, denn die Berge sind voller Jäger und Vogelfänger.

Zugvogeljagd im Libanon – Dokumente der Grausamkeit

Es gibt zahlreiche Höhenzüge im Libanon, die quer zur Zugroute der meisten Vögel verlaufen und so wie Barrieren wirken. Um sie überqueren zu können, suchen sich die gefiederten Nomaden niedrige oder thermisch günstige Stellen aus. So kommt es, dass solche „Flaschenhälse“ von mehreren Hundert bis Tausen Vögeln pro Tag passiert werden. Und hier beginnt das Drama. Libanesische Wilderer wissen genau, wo sie die Vögel erwischen können und bringen sich mit ihren Gewehren in Position, manche schlagen sogar Zeltlager auf. Sobald Vögel am Himmel sind, schießen die Jäger sie herunter. Die meisten enden als Abendessen oder auch als präparierte Trophäen.

Vorher passiert aber etwas ebenso Schlimmes: Die Jäger posieren mit ihrer Beute, lassen sich stolz fotografieren und stellen die Bilder anschließend ins Internet. Vogelschützer konnten innerhalb weniger Monate knapp 1.000 solcher Fotos bei Facebook sicherstellen. Ganz selbstverständlich werden da Dutzende toter Weißstörche, Kartons voller Schreiadler, angeschossene Schlangenadler und andere Grausamkeiten präsentiert.

Zugvogeljagd im Libanon – Das Gebirge der Vogelmörder

Im September 2017 begaben sich Mitglieder des Komitees gegen den Vogelmord und der Society for the Protection of Nature in Lebanon (SPNL) auf eine gemeinsame Expedition. Sie wollten sich ein Bild von der Lage machen und erstmals den Massenabschuss von Greifvögeln im Libanongebirge dokumentieren.

Mehrere Jäger erzählten ihnen vor laufender Kamera, dass sie regelmäßig Greifvögel schießen, um sie mit Freunden und Familie zu essen. Die Wilderer kennen die besten Berghänge und Plateaus, um in kurzer Zeit möglichst viele Vögel zu töten. Wo sie waren, ist der Boden von leeren Schrotpatronen, Massen von Federn und Körperteilen toter Vögel übersäht. Die Vogelschützer fanden massenhaft Köpfe und Handschwingen bis hin zu kompletten Vogelleichen oder noch lebenden Tieren mit Schussverletzungen.

Zugvogeljagd im Libanon – ein unbesiegbares Phänomen?

Manche der verletzten Vögel haben Glück und kommen in eine Pflegestation im Norden des Landes. Dort leben mehr als 50 Störche, Wespenbussarde, Falken und verschiedene Adler – die meisten durch eine Schussverletzung verkrüppelt. In der Station fanden die Vogelfreunde heraus, dass zahlreiche Opfer in Europa beringt wurden. Sie stammen unter anderem aus der Slowakei, Estland, Kroatien, Polen, Tschechien und Deutschland.

1995 entstand ein Gesetz, das den Abschuss von Wildtieren im Libanon generell untersagte. Da es aber nicht genug Ressourcen gab, um das Gesetz durchzusetzen, hielt sich im Grunde niemand daran. Seit 2017 sind zwölf Vogelarten (darunter verschiedene Drosseln und Enten) zum Abschuss freigegeben, allerdings nur zwischen Mitte September und Ende Januar. Die Jagd auf Vögel, die im Frühling in ihre Brutgebiete fliegen, ist komplett verboten, ebenso wie jede Form von Vogelfang.

Trotz dieser neuen Gesetze herrscht noch immer Chaos im Libanon, Greifvögel stehen nach wie vor ganz oben auf der Abschussliste der Wilderer. Nur langsam bekommen libanesische Militärpolizisten Fortbildungen, um die Vögel künftig besser beschützen zu können. Einige Gemeinden und Dörfer haben sich zusammengeschlossen, um den Zugvögeln sichere Flugrouten zu bieten. Solche kleinen Schritte sind schon hilfreich, aber vor allem europäische Politiker sollten die libanesische Regierung unter Druck setzen. Es sind nicht nur „unsere Brutvögel“, die wir beschützen sollten, sondern all die wunderschönen Vögel dieser Welt, die nur sich selbst gehören und ein sicheres Leben verdient haben.

Foto: © Komitee gegen den Vogelmord e. V.

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