Kuriose Vogelwelt #11: Ich bin nicht müde, ich mag dich!

Kuriose Vogelwelt #11: Ich bin nicht müde, ich mag dich!

Herzhaftes Gähnen ist vor allem für Menschen, aber auch Hunde und andere Säugetiere sehr ansteckend. Forscher fanden nun heraus, dass auch Wellensittiche sich gegenseitig zum Gähnen animieren.

Ein volles Straßenbahnabteil, frühmorgens in einer großen Stadt. Ein Passagier nahe der Tür hatte eine kurze Nacht und kann nicht anders: Er muss gähnen. Die Frau neben ihm schaut ihn gerade zufällig an, auch sie gähnt. Und plötzlich breitet sich das Gähnen wie eine Welle aus und das ganze Abteil reißt die Münder auf. Aber nach neuesten Erkenntnissen sind nicht nur Säugetiere von diesem Phänomen betroffen: Auch Vögel stecken sich gegenseitig mit ihrem Gähnen an.

Das Experiment

Die Forscher um Andrew Gallup von der State University of New York setzten mehrere Wellensittiche in getrennten Käfigen zusammen. Mal konnten sich die Vögel sehen, mal nicht. Im ersten Fall rissen die Wellensittiche um einiges öfter den Schnabel auf, als in den Phasen, in denen sie ihre Artgenossen nicht sehen konnten.

Danach wurden den Vögeln kurze Videos gezeigt, in denen gähnende Wellensittiche zu sehen waren. Das hatte einen deutlichen Effekt auf die Tiere, sie gähnten häufiger. Da das Gähnen als Zeichen von Empathie gilt, zeigen sich die Tiere so möglicherweise, dass sie aufeinander achten und einander ein sicheres Gefühl geben möchten.

Was steckt dahinter?

Gähnen fällt in die Kategorie der Nachahmung. Auch Orang-Utans machen Gesichtsausdrücke oder Gesten ihrer Artgenossen nach, um diesen zu zeigen, dass sie sie verstanden haben oder sich in sie hineinversetzen können. Bei uns Menschen ist bekannt, dass besonders feinfühlige Personen häufiger gähnen als andere. Demnach könnte das Experiment mit den gähnenden Wellensittichen eine Antwort auf die Frage enthalten, wie weit das Einfühlungsvermögen von Vögeln reicht.

Zum Ursprung des Gähnens gibt es allerdings noch viele weitere Theorien: Andrew Gallup von der State University untersuchte neben den Sittichen auch noch Ratten. Wenn diese im Experiment gähnten, reduzierte sich durch die kühlere Luft ihre Hirntemperatur, so dass sie wieder den Normalwert erreichte. Daher ist es also ebenfalls möglich, dass das Gähnen zur Kühlung des Gehirns dient, um dessen Leistungsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Dafür würde auch der Faktor sprechen, dass Menschen im Sommer am meisten gähnen.

Und was ist mit der Müdigkeit? Auch dieser Zusammenhang könnte mit der Hirntemperatur erklärt werden. Nachts ist das Gehirn am heißesten. Nach dem Aufwachen müssen wir es daher wieder herunterkühlen. Also gähnen wir.

Aber egal ob Mensch oder Wellensittich: Das Gähnen bleibt ein interessantes Phänomen, dessen Ursachen noch immer nicht vollständig geklärt sind. Im Fall der Vögel könnte es auch auf ein Signal für gemeinsame Wachsamkeit hindeuten. Wenn alle ihre Gehirne auf höchster Leistung halten, kann sich die Gruppe besser gegen Feinde wappnen. Und einander beschützen zu wollen ist schließlich auch eine Form der Empathie.

>> Alle Beiträge der Serie „Kuriose Vogelwelt“ könnt ihr hier nachlesen.

Foto: Maja Dumat (Lizenz: CC BY 2.0 – Bildausschnitt vom Original geändert) / flickr.com

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