Kuriose Vogelwelt #7: Unterdrückte Vögel sind bessere Futterdiebe

Kuriose Vogelwelt #7: Unterdrückte Vögel sind bessere Futterdiebe

Kaum jemand weiß, dass Kohlmeisen insgeheim Futterdiebe sind. Doch nicht nur das: Die unterdrückten Weibchen übertreffen die dominanten Männchen dabei.

Das Phänomen: Kohlmeisen, die Futterdiebe

Wer hätte geahnt, dass es sich bei den putzigen Kohlmeisen um gerissene Futterdiebe handelt? Die beliebten Meisen haben es faustdick hinter den Ohren: Obwohl sie selbst im Winter kein Futter sammeln und verstecken, spionieren sie andere Vögel dabei aus und stehlen im Anschluss deren Futter! Bis zu 24 Stunden später können sich Kohlmeisen durch effektive Vorratsdatenspeicherung noch an die Verstecke anderer erinnern. Die NSA der Vögel quasi.

Dass Meisen clever sind, war schon länger bekannt. Wir wussten zum Beispiel, dass sie einfache Werkzeuge wie Tannennadeln zu Nahrungssuche benutzen. Doch das Plündern von Wintervorräten kannte man bisher nur von einer anderen Vogelfamilie, den Rabenvögeln nämlich. Diesen wurde in der Vergangenheit eine primatenähnliche Intelligenz attestiert. Seht euch zum Beispiel diesen afrikanischen Schildraben an, der ein Puzzle löst:

Doch die erstaunliche Intelligenz der eigentlich vorratslosen Kohlmeisen gab den Forschern ein Rätsel auf. Man wollte mehr erfahren.

Weibliche Meisen sind die besseren Futterdiebe

Die Biologen Anders Brodin und Utku Urhan von der Universität Lund in Schweden machten sich daran, das Rätsel zu lösen. Nachdem sie bereits die Tätigkeit der Kohlmeisen als Futterdiebe in einer Studie belegt hatten, sollte es in einer Folgestudie um die Geschlechterunterschiede der Meisen gehen. Dazu wurden Kohl- und Sumpfmeisen in derselben Voliere gehalten und mit Sonnenblumenkernen gefüttert. Warum Sumpfmeisen fragt ihr euch? Ganz einfach: Sumpfmeisen horten Nahrung, Kohlmeisen nicht. Somit war das die ideale Kombination, um aus den Kohlmeisen Futterdiebe zu machen.

Das erstaunliche Ergbnis: Die weiblichen Kohlmeisen übertreffen die männlichen Kohlmeisen als Futterdiebe um Längen. Weibliche Kohlmeisen stöberten 40% der versteckten Sonnenblumenkerne auf, Männchen nur 15%. Weibchen sind somit genauso gut im Finden der Verstecke wie die Sumpfmeisen selbst. Und das obwohl sie gar nie gelernt haben, Nahrung selbst zu verstecken.

Die Ursache: Unterdrückung macht schlauer

Wie Brodin und Urhan vermuten, liegt dem besseren Gedächtnis der Kohlmeisen-Weibchen die ausgeprägte Rangordnung dieser Vogelart zugrunde. Die dominanten Männchen verdrängen die Weibchen von den Futterstellen, sodass diese ihre Nahrung woanders finden müssen. Gegebenenfalls auch in den Verstecken anderer Vögel. Durch ihr Leben als Futterdiebe wird das Erinnerungsvermögen der Weibchen mehr gefordert als das der Männchen. Ein weiterer Grund für die Fähigkeiten der Kohlmeisen-Weibchen ist, dass sie so die Möglichkeit haben, Nahrung zu ignorieren, solange Männchen in der Nähe sind, um sie später alleine aus der Erinnerung heraus wiederzufinden. Somit sind Kohlmeisen einer der wenigen Fälle, in dem Weibchen bessere kognitive Fähigkeiten als Männchen entwickelt haben. Auch Menschen bilden da keine Ausnahme: In Sachen Raumorientierung liegen Männer bei Tests vor Frauen – wenn auch nur knapp. Ob auch sie das bei ihrer Tätigkeit als Futterdiebe gelernt haben, wäre zu diskutieren.

>> Ein Abstract der 2014 in der Zeitschrift Behavioral Ecology and Sociobiology veröffentlichten Studie könnt ihr hier nachlesen.

>> Mehr über Meisen erfahrt ihr in den Steckbriefen auf Vogel & Natur.

>> Alle Beiträge der Serie „Kuriose Vogelwelt“ könnt ihr hier nachlesen.

Foto: Arend (Lizenz: CC BY 2.0) / flickr.com

Diesen Artikel empfehlen

Diskutieren Sie über diesen Artikel