Nester auf der Schießbahn: Lebensraum Truppenübungsplatz

Nester auf der Schießbahn: Lebensraum Truppenübungsplatz

Hier trainiert in erster Linie das Militär, doch gleichzeitig (und eher durch Zufall) ist diese Landschaft ein extremer Gewinn für die Artenvielfalt: der Truppenübungsplatz.

Es herrscht alles andere als stille Idylle. Panzerketten durchpflügen den Boden, auf der Schießbahn lodern kleine Flächenbrände. Nicht weit entfernt hinterlassen Mörsergranaten, aus zwei Kilometern Entfernung abgeschossen, tiefe Krater. Und mittendrin: ein brütender Großer Brachvogel. Was verschlägt diesen seltenen Vogel an einen derart ungemütlichen Ort? Ganz einfach: Wo günstige Bedingungen für Schießübungen und andere militärische Manöver herrschen, da gibt es meist auch idealen Lebensraum für Wiesenbrüter. Flaches Land, kaum größere Büsche und Bäume, freie Sicht.

Ihr schießt, wir brüten

Neben dem lärmresistenten Großen Brachvogel fühlen sich auch Rotschenkel, Bekassine, Kiebitz und andere Arten auf Truppenübungsplätzen wohl. Seltene Pflanzen entwickeln sich positiv in den Gebieten, die zwar durchfahren und beschossen werden, aber sonst vom menschlichen Eingriff verschont bleiben. Darin liegt ein weiterer großer Vorteil der Truppenübungsplätze. Sie sind Sperrzone und dürfen weder von Zivilisten betreten noch bebaut oder bewirtschaftet werden. In Deutschland gibt es 1.400 Quadratkilometer Truppenübungs- und Schießplatzfläche – zwei Drittel davon gehören zum europäischen Natura-2000-Netzwerk.

Zwar hat bei der Einrichtung dieser Orte wahrscheinlich niemand an die Natur gedacht, doch zum Glück hat sie sich selbst dorthin eingeladen. Auf Schießbahnen und Panzerfahrpisten sind mittlerweile Lebewesen zu finden, die in Deutschland eigentlich als ausgestorben gelten. Ein Beispiel hierfür ist der Echte Kiemenfuß, ein Kleinkrebs. Für ihn schaffen die Panzerketten immer wieder kleine Tümpel, die sich rasch erwärmen. Überhaupt ist es mehr Segen als Fluch, dass die Übungsplätze immer wieder durch das Militär verändert werden. Kleine Brände auf der Heide sorgen etwa dafür, dass sich der Bewuchs immer wieder verjüngt und viele Insekten anzieht – perfekt für Arten wie das Birkhuhn.

Lebensraum durch Zufall

Truppenübungsplätze sind der beste Beweis dafür, dass ein Ökosystem von Zufall und Unordnung lebt und auch kleine Katastrophen verzeiht. Solange das Gesamtgebiet groß genug ist, darf es stellenweise ruhig mal brennen oder zu Explosionen kommen. Nur so bleibt das wertvolle Nebeneinander unterschiedlicher Entwicklungsstufen erhalten. Heiden oder Binnendünen brauchen die regelmäßige Frischekur, außerdem beugt man so der Entstehung des übermächtigen Laubmischwaldes vor. Wo nämlich nicht mehr geschossen und Panzer gefahren wird, holt er sich langsam aber sicher die freien Flächen zurück. Auf solchen sich selbst überlassenen Plätzen halten dann eher Waldvogelarten und oft auch Wölfe Einzug.

Besonders viele Truppenübungsplätze mit Naturschutzfaktor gibt es in Brandenburg. Für Baden-Württemberg ist beispielsweise auch der Truppenübungsplatz Münsingen von großer Bedeutung. 2006 zog sich die Bundeswehr von dort zurück. Seither sind sechzehn Wanderschäfer mit ihren Herden dafür verantwortlich, den Bewuchs kurz zu halten. Über 1.000 Tümpel bieten Amphibien und Insekten einen Lebensraum. Was Vögel betrifft, fühlen sich hier unter anderem Steinschmätzer und Heidelerchen wohl.

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