Der Stieglitz – Vogel des Jahres 2016

Der Stieglitz – Vogel des Jahres 2016

Nicht nur wegen seines schönen Gefieders ist der Stieglitz Vogel des Jahres 2016. Er und sein fortschreitendes Verschwinden müssen uns mehr denn je auf die Gefahr aufmerksam machen, in der sich die gesamte Natur befindet.

Im Volksglauben hat der Stieglitz sein bunt betupftes Gefieder einer Verspätung zu verdanken. Denn nachdem Gott alle Tiere erschaffen und bemalt habe, sei der kleine Vogel als letztes erschienen und habe angesichts der leeren Farbtöpfe so sehr gejammert, dass Gott ihn mit den letzten Resten verschönerte, so dass der Stieglitz heute viele verschiedene Farben trägt.

Vogel des Jahres 2016: Der bunte Distelfink

Ob man dieser Geschichte nun glauben schenkt oder nicht: Das Gefieder des Stieglitz ist wirklich eine Freude für das Auge. Am auffälligsten ist der Kopf in Schwarz, Weiß und Rot mit dem verhältnismäßig langen Schnabel. Der Körper dagegen ist zimtbraun, am Bauch fast weiß. Die schwarzen Flügel werden hier und da weiß unterbrochen und tragen ein leuchtend gelbes Flügelband. Auch der Schwanz ist schwarz mit weißen Tupfen. Stieglitze haben in etwa die Größe eines Spatzes, die Geschlechter unterscheiden sich nur insofern, dass das rote Gesichtsfeld bei den Männchen etwas größer ist. Der helle, aufgeregte Ruf gab dem Vogel auch seinen Namen, denn er klingt wie „didelit“ oder auch „stiglit“.

Stieglitze sind, sofern sie genug Nahrung und Platz zum Nisten haben, in verschiedenen Landschaftsformen anzutreffen, vom Gebirge bis zur Streuobstwiese. Dass sie so gern an Disteln und anderen Korbblütlern picken, brachte ihnen den Zweitnamen Distelfink ein. Diese Pflanzen liefern den Vögeln nicht nur Samen, sie beherbergen auch viele verschiedene Insekten, die dem Stieglitz ebenfalls als Nahrung dienen.

Stieglitze leben übrigens oft in Gemeinschaften mehrerer Brutpaare zusammen und versammeln sich auch immer wieder zu einer Art „Gruppentreffen“. Die Weibchen verhalten sich dominanter, als man es von anderen Vogelarten kennt, sie bauen das Nest und beteiligen sich am Gesang.

Die Spitze des Eisbergs

Der Stieglitz ist Vogel des Jahres 2016, weil er für die beunruhigenden Veränderungen unseres Naturraumes steht. Denn obwohl der kleine Vogel so geringe Ansprüche an seinen Lebensraum hat, gehen die Bestände immer weiter zurück. Der Dachverband der Deutschen Avifaunisten (DDA) hat festgestellt, dass sich sein Vorkommen zwischen 1990 und 2013 um fast die Hälfte verringert hat. Und die Probleme des Stieglitz sind auch die vieler anderer Singvögel, die vor allem durch das Verhalten des Menschen in Gefahr sind.

Das, was für Vögel wie den Stieglitz das Paradies darstellt, ist vielen Menschen nur ein Dorn im Auge. Wilde Blumenwiesen, Grünstreifen, Unkrautfluren – eigentlich alles, was wild und unkontrolliert wächst, wird immer weiter begrenzt und vernichtet. Die intensive Landwirtschaft führt zur Monotonisierung, das heißt, dass die Pflanzenvielfalt immer geringer wird, weil vor allem Nutzpflanzen wie Mais den Platz einnehmen. Blühpflanzen sind oft schon abgemäht, bevor sie sich weiter verbreiten können. Grünland wird umgebrochen, um noch mehr Anbaufläche zu schaffen. Sogar in vielen Gärten haben es die Menschen zu gern ordentlich: sterile Wiesen und akkurat angelegte Beete lassen keinen Platz für blühende Unordnung.

Und wo keine Disteln oder andere samenreiche Pflanzen blühen können, bleibt für Insekten und somit auch den Stieglitz die Nahrung aus. Sein Verschwinden ist somit nur die Spitze des Eisbergs, denn ihm gehen viele andere kleine Tode voran.

Eine weitere Gefährdung für viele Singvögel stellt die Jagd dar. Stieglitze werden in Spanien mit Netzen gefangen, andere Singvögel geraten millionenfach in illegale Fanganlagen. Auch auf Malta und in Österreich werden Finkenvögel erbeutet. In Frankreich verspeisen selbst Politiker Singvögel als Delikatesse. Hier sterben jährlich etwa 1,5 Millionen Vögel, oft in grausamen Fallen.

Projekte für mehr Farbe und Leben

NABU und LBV (Landesbund für Vogelschutz in Bayern) haben den Stieglitz nicht nur zum Vogel des Jahres 2016 ernannt, sondern wollen ihm auch verschiedene Hilfsprojekte zur Seite stellen, wenn der Weg auch weit und steinig ist. Kaum ein Landwirt will sich vorschreiben lassen, wann und wie er seine Arbeit zu machen hat. Für eine grundlegende Veränderung müsste in ganz Europa ein Sinneswandel eintreten, weg vom Wachstumswahn. Da das in naher Zukunft kaum passieren wird, hat man sich auf andere Möglichkeiten besonnen, die zwar auf den ersten Blick nur kleine Veränderungen beinhalten, aber doch wirksam sind.

Eine dieser Möglichkeiten ist das Projekt „Bunte Meter für Deutschland“, an dem sich jeder beteiligen kann und soll. Wildblumenstreifen anlegen oder Flächen vor dem Verschwinden schützen, es kann viel getan werden. Die geretteten Meter können dem NABU gemeldet werden, der diese sammelt.

Ein weiteres Projekt des NABU Hamburg, von dem wir vermutlich noch hören werden, heißt „UnternehmensNatur“. Da auf Betriebsgeländen von Firmen oft große Flächen ungenutzt sind, sollen sie in natürliche Lebensräume für Tiere und Pflanzen umgewandelt werden. Davon würden auch Mitarbeiter profitieren, denn in der Pause schaut sicher jeder lieber auf eine summende Blumenwiese als in einen Betonwald.

Wie schwierig sich Naturschutz auch manchmal anhören mag, Nischen und Meter für mehr Farbe und Artenvielfalt finden sich bei genauem Hinschauen fast überall – der Stieglitz wird es uns danken.

Foto: Toni Smith (Lizenz: CC BY 2.0)

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