Kuriose Vogelwelt #10: Der Magnetsinn der Vögel

Kuriose Vogelwelt #10: Der Magnetsinn der Vögel

In guter Hänsel-und-Gretel Tradition verlaufen wir Menschen uns permanent, Vögel hingegen finden den Weg. Warum? Des Rätsels Lösung ist der sogenannte Magnetsinn.

Was ist der Magnetsinn?

Von wegen sechster Sinn! Sogar wir wenig scharfsinnigen Menschen haben mehr als die sprichwörtlichen 5 Sinne. Neben den seit der Antike bekannten Sinnesempfindungen ist der Mensch nach neuesten Erkenntnissen empfindlich für Temperatur, Schmerz, Gleichgewicht, und Körpereigenwahrnehmung. Trotzdem sind uns Tiere mit vielen speziell ausgerichteten Sinnen oft voraus. Nicht nur sind Geruchs- oder Sehsinn bei ihnen stärker ausgeprägt, sie haben auch Sinne, die bei uns überhaupt nicht vorhanden sind. Einer der beeindruckendsten und nach wie vor wenig verstandenen Sinne ist die Fähigkeit von Tieren, das Erdmagnetfeld zur Orientierung zu benutzen. Genau das bezeichnet man als Magnetsinn. Nachgewiesen ist diese Fähigkeit bei Lebewesen aller Entwicklungsstufen: von Bakterien bis hin zu hoch entwickelten Säugern.

Wie funktioniert der Magnetsinn der Vögel?

Da er erst in den 60ern und 70ern des letzten Jahrhunderts entdeckt wurde, ist der Magnetsinn bisher relativ unerforscht. Bei Studien am Zoologischen Institut in Frankfurt am Main konnte der Magnetsinn überhaupt nachgewiesen werden. Dazu sperrte man ein Rotkehlchen in einen Käfig mit künstlich erzeugtem, veränderlichem Magnetfeld. Tatsächlich orientierte sich der Vogel deutlich an dem neuen Feld des Käfigs. So konnte nachgewiesen werden, dass die Orientierung des Vogels über einen sogenannten Magnetsinn funktionieren muss. Auch an Dorngrasmücken, Tauben und anderen Arten wurde das später nachgewiesen.

Über die nächste Frage streitet man sich noch heute: Wo sitzt der Magnetsinn bei Vögeln? Manche Forscher gehen davon aus, dass der Magnetsinn in besonderen Rezeptoren auf der Netzhaut zu finden ist. Für andere kommt der Schnabel als magnetempfindliches Organ in Frage. Wieder andere suchen den Magnetsinn der Vögel in ihren Ohren, verknüpft mit dem Gleichgewichtssinn. Neben der Idee von den Rezeptoren glauben viele, dass Körnchen der magnetischen Eisenverbindung Magnetit für den Magnetsinn verantwortlich sind. Dieses konnte unter anderem bei Tauben schon in größeren Vorkommen nachgewiesen werden. Wie der Spiegel berichtet, gibt es allerdings auch Beweise, die gegen die Bedeutung von Magnetit sprechen.

Wie genau der Magnetsinn dann eingesetzt wird, erforschen Ornithologen derzeit noch. Studien des Max-Planck Instituts für Ornithologie in Radolfzell zeigen, dass Vögel vermutlich eine angeborene Richtungsorientierung haben, die sie dann über die Jahre mithilfe des Magnetsinns zu einer magnetischen Karte ausbauen. Das vermutet man deswegen, weil sich Jungvögel von magnetischen Störsignalen nicht ablenken lassen, während das bei älteren Vögeln sehr wohl der Fall ist. Ältere Vögel verlassen sich daher wohl stärker auf den Magnetsinn als jüngere.

Zukünftige Forschungsziele

Der Magnetsinn ist ein vielversprechendes Forschungsgebiet, denn es gibt noch viel zu entdecken. Wir wissen nicht sicher, wo der Magnetsinn sitzt, wir wissen nicht, wie er mit anderen Sinnen und Erbinformationen interagiert, und wir wissen auch noch nicht genau, welche Lebewesen über ihn verfügen. Neben vielen Vogelarten wurde er bisher auch zum Beispiel bei Ameisen, Bienen, Schmetterlingen, Lachsen und einigen Amphibien sowie bei Säugetieren wie etwa dem Goldhamster festgestellt. Eine etwas abseitige Theorie, die in den 1970ern in Manchester aufgestellt wurde, fand tatsächlich auch bei Menschen einen schwach ausgeprägten Magnetsinn. Allerdings wird jeder von euch, der sich schon einmal bei einer Wanderung verlaufen hat, an dieser Idee seine Zweifel haben.

>> Mit dem Kompassgürtel der Uni Osnabrück werden sogar wir Menschen zu Zugvögeln. Der Spiegel berichtet über diese faszinierende Erfindung.

>> Der Orientierungssinn der sogenannten Brieftauben ist hinlänglich bekannt. Hier erfahrt ihr mehr über sie.

>> Alle Beiträge der Serie „Kuriose Vogelwelt“ könnt ihr hier nachlesen.

Foto: Windell Oskay (Lizenz: CC BY 2.0 – Bildausschnitt vom Original geändert) / flickr.com

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2 Kommentare

  1. Tussi 6. Oktober 2020 um 18:15 Uhr

    Mir gefält die seite.
    LG Tussi

    • Christian Kolbe 7. Oktober 2020 um 11:05 Uhr

      Vielen Dank, das freut uns sehr!
      Liebe Grüße aus der Redaktion

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