Klimawandel und Zugvögel

Christian Kolbe 15. November 2017 Keine Kommentare zu Klimawandel und Zugvögel
Klimawandel und Zugvögel

Klimawandel und Zugvögel – eine dramatische Kombination. Denn die Vögel müssen ihren Zug von der Route bis hin zum Zeitplan der globalen Erwärmung anpassen, um zu überleben.

Was haben die Vögel der tropischen Regenwälder gemeinsam? Sicher, sie tragen farbenfrohe, wunderschöne Federkleider. Aber darüber hinaus verbringen sie ihr gesamtes Leben im Regenwald, sind also keine Zugvögel. Dafür gibt es eine einfache Erklärung. In den Regionen zu beiden Seiten des Äquators, wo die Regenwälder wachsen, herrscht das ganze Jahr über ein sehr gleichmäßiges Klima. Die Durchschnittstemperatur liegt bei 25 Grad Celsius und es fällt eine Menge Regen.

So kommt es, dass den Vögeln immer ausreichend Nahrung (vor allem in Form von Insekten) zur Verfügung steht. Die starken klimatischen Schwankungen unserer Jahreszeiten kennen sie gar nicht, denn sie genießen den ewigen Sommer.

Wenn die innere Uhr tickt

Die Vögel der Nord- und Südhalbkugel hingegen werden nicht immer am gleichen Ort mit Nahrung versorgt. Wenn in ihren Brutgebieten der Herbst Einzug hält, bekommen sie „Zugunruhe“. Ihre biologische Langzeituhr sorgt dafür, dass sie Energiereserven für die lange Reise anlegen und rechtzeitig losfliegen. Teilweise orientiert sich die Uhr dabei an der Temperatur und den Tageslängen (Photoperioden). Die kühlen, kürzeren Tage veranlassen also beispielsweise die Weißstörche, nach Afrika aufzubrechen. Dort verbringen sie den Winter, bis ihre innere Uhr ihnen wieder das Signal zur Heimkehr gibt. Bei uns gelten sie daher auch als die Boten des Frühlings.

Klimawandel und Zugvögel: Veränderungen durch Wärme

Der vom Mensch verursachte Klimawandel sorgt dafür, dass sich das globale Klima erwärmt. Mit den steigenden Temperaturen verändern sich auch die Niederschlagsmuster der Erde. Und wenn der Regen nicht mehr mit gewohnter Intensität an den altbekannten Orten fällt, gibt es dort auch nicht mehr so viel Nahrung. Die Vögel müssen ihr Zugverhalten an diese Veränderungen anpassen, um zu überleben. Dafür ergreifen allerdings längst nicht alle Arten dieselben Maßnahmen.

Klimawandel und Zugvögel: Wie die Vögel reagieren

Da sich der europäische Frühlingsanfang in den letzten Jahren immer weiter nach vorne verschoben hat, kommen viele Zugvögel einfach früher zurück. So fliegen Mehlschwalben inzwischen durchschnittlich zehn Tage früher aus Nordafrika nach Deutschland als noch vor 30 Jahren. Grauschnäpper stellen sich durchschnittlich 11 Tage früher auf der Insel Helgoland ein als noch im Jahr 1960. Mönchsgrasmücken überbieten dies noch, indem sie schon rund 17 Tage früher ankommen. Die milden Winter veranlassen insgesamt etwa 24 Zugvogelarten zur früheren Heimkehr. Pro einem Grad Celsius Klimaerwärmung konnte für eurasische Zugvögel eine Verfrühung von zwei bis 3 Tagen nachgewiesen werden.

Immer mehr Weißstörche verfolgen eine noch bequemere Strategie. Sie fliegen einfach nicht mehr bis nach Afrika, sondern verbringen den (gar nicht mehr so kalten) Winter in Spanien. So sparen sie sich den kräftezehrenden Flug über die Wasserstraße von Gibraltar und verkürzen den Rückweg nach Deutschland. Kein Wunder also, dass die „Boten des Frühlings“ immer zeitiger auf unseren Schornsteinen auftauchen. Klassische Zugvögel wie Kiebitz, Singdrossel, Star und Hausrotschwanz gehen sogar einen Schritt weiter und lassen den Zug einfach ausfallen. Immer öfter verbringen sie die Wintermonate in Mitteleuropa.

Für die Mönchsgrasmücke ist die klimatische Verwirrung so groß, dass sie eine neue Route gewählt hat. Viele Individuen fliegen nicht mehr in warme Gefilde wie Südfrankreich oder Nordafrika, sondern nach Südengland. Diese neue Zugrichtung hat nur wenige Generationen gebraucht, um sich unter den Mönchsgrasmücken zu etablieren.

Klimawandel und Zugvögel: Wer zuerst kommt…

Während sich der Bienenfresser im erwärmten Deutschland wieder ansiedeln konnte und so im Grunde vom Klimawandel profitiert, gibt es auch deutliche Verlierer. Der Trauerschnäpper zum Beispiel verbringt den Winter immer südlich der Sahara. Damit ist er Langstreckenzieher und hat einen festgelegten Zeitpunkt für die Heimreise. Diesen kann er nicht an die neuen Klimaverhältnisse anpassen und kommt deshalb oft zu spät nach Deutschland zurück. Frühheimkehrer und neue Standvögel haben Nahrung und Brutplätze bereits knapp werden lassen. Mit steigender Erwärmung breiten sich auch die Wüsten aus und machen seinen Heimweg immer beschwerlicher.

Der Klimawandel hat bereits erschreckende Auswirkungen auf das Ökosystem der Erde – mit seinen chaotischen Veränderungen ist der Vogelzug leider nur eines von vielen Beispielen dafür. Die Langstreckenzieher vollbringen jetzt schon eine unglaubliche Leistung, indem sie jedes Jahr tausende von Kilometern zurücklegen. Alles, was die Vögel noch weiter an ihre Grenzen treibt, könnte tödlich für sie enden.

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